Andersons Dortmund-Mission, Schindlers Zahlen-Alarm & ein 12-Jähriger, der 487 Gegner schlägt

Andersons Dortmund-Mission, Schindlers Zahlen-Alarm & ein 12-Jähriger, der 487 Gegner schlägt

DartCloud Journal vom 31. August 2026: Gary Andersons Dortmund-Mission, Schindlers Krisenzahlen, Scott Williams' Dartitis-Beichte und Duffs MODUS-Auftakt.

Der letzte August-Montag 2026 war einer dieser Darts-Tage, an denen nicht der Titel die Schlagzeilen macht, sondern das, was er auslöst. Budapest ist abgeräumt, Ross Smith hat die Trophäe der Hungarian Darts Trophy nach Hause getragen – doch die Debatte des Tages dreht sich um den Verlierer des Finales, um einen deutschen Profi in der schwersten Saison seiner Karriere, um einen Spieler, der offen darüber spricht, wie es ist, auf der Tour zu weinen, und um einen 12-Jährigen aus Nordrhein-Westfalen, der ein Feld von 488 Startern pulverisiert hat.

Das Wichtigste des Tages

  • Gary Anderson macht die Qualifikation für die Europameisterschaft in Dortmund zur Mission – nach vier Siegen in Budapest und einem verlorenen Finale gegen Ross Smith (2:8).
  • Ross Smith übernimmt mit seinem zweiten European-Tour-Titel die Spitze der European Tour Order of Merit.
  • Martin Schindlers Krisensaison bekommt Zahlen: 31 Siege, 37 Niederlagen – die erste Negativbilanz seiner Karriere.
  • Scott Williams spricht über seinen Kampf gegen Dartitis: „Ich habe dieses Jahr ein paarmal auf der Tour geweint.“
  • Ben Schneider (12) gewinnt die MyDartCoach Championship in Bad Salzuflen gegen ein Feld mit PDC-Tour-Card-Inhabern.
  • Bei der MODUS Super Series in Portsmouth kontrolliert Neil Duff den Auftakt der Gruppe A – Noa-Lynn van Leuven feiert im Debüt ihren ersten Sieg.

Andersons Dortmund-Mission: „Ich gebe alles, was ich habe“

Das Finale in der MVM Dome war einseitig: Ross Smith spielte 101 im Average, checkte 73 Prozent seiner Doppel und machte mit einem 11-Darter gegen den Wurf den Deckel drauf – 8:2 gegen Gary Anderson, 35.000 Pfund, vor knapp 6.000 Zuschauern und damit dem größten Publikum, das die European Tour je gesehen hat. Für Smith war es der zweite European-Tour-Titel, nach dem Premierenerfolg beim International Darts Open in Riesa im Mai. Er führt die European Tour Order of Merit jetzt an.

Die größere Geschichte schreibt aber der Verlierer. Anderson, 2026 fast nur sporadisch auf der Kontinental-Tour unterwegs, marschierte in Budapest durch vier Runden: Krzysztof Ratajski schlug er 6:2 bei einem Average von 105,27, danach folgten Stephen Bunting, Gian van Veen im Entscheidungsleg und Nathan Aspinall – gegen den Engländer überlebte er fünf Matchdarts. Der Schotte selbst wollte davon nichts wissen: „Mir ist schon vor langer Zeit die Luft ausgegangen. Dass ich so weit gekommen bin, war reines Glück, ein Geschenk der Götter.“

Und doch hat dieser Lauf seine Rechnung verändert. Die Top 32 der European Tour Order of Merit fahren im Herbst zur Europameisterschaft nach Dortmund, vier der 15 Kontinental-Turniere stehen noch aus. „Wir haben noch ein paar Turniere, um in die Finals zu kommen. Ich werde alles geben, was ich habe“, sagte Anderson. In der Weltrangliste steht der zweifache Weltmeister mit rund 594.000 Pfund auf Rang neun – Substanz ist also da.

Nicht alle finden das rundum verdient. In der Tagesdiskussion wurde die Frage laut, ob Anderson für das Schwänzen des Circuits belohnt werde: In vier Jahren hat er nur rund ein Dutzend European-Tour-Events gespielt, zwischen 2017 und 2022 gar keines. Ein Titel in Budapest hätte ihm das Dortmund-Ticket direkt beschert – ohne Wochenend-Grind, der für viele Kollegen Alltag ist. Sportlich ist das legitim, systemisch bleibt es eine unbequeme Debatte.

Darts in Deutschland: Schindlers Zahlen-Crash – und ein 12-Jähriger, der 487 Gegner schlägt

Für Martin Schindler war Budapest nur die Fußnote eines längeren Problems: 2:6 gegen Keane Barry, Erstrundenaus, Abreise. Am Montag wurde dazu die unangenehme Bilanz gerechnet – und sie ist deutlich. 2024 gewann Schindler 70 von 116 Partien, 2025 waren es 93 Siege bei 53 Niederlagen. 2026 steht er bei 31 Siegen und 37 Niederlagen. Es ist die erste Saison seiner Karriere mit einer Siegquote unter 50 Prozent.

Die Detailwerte erklären, warum. Seine 180er pro Leg sind von 0,37 auf 0,22 eingebrochen, die Doppelquote von 44,8 auf 34,5 Prozent. Der Average hält sich mit 93,30 noch passabel, doch im Entscheidungsleg – dort, wo Ranglistengeld verteilt wird – fiel er von 98,31 auf 90,17. Übersetzt: Schindler spielt nicht dramatisch schlechter, er gewinnt nur die engen Spiele nicht mehr. Dreizehn Erstrundenniederlagen bei Players Championships, ein Halbfinale als Saison-Highlight, ein Viertelfinale in Sindelfingen und das fünfte Matchplay-Erstrundenaus in Folge – trotz einer 6:2-Führung gegen den späteren Finalisten Gerwyn Price.

Wirtschaftlich wird es dadurch eng. 134.000 Pfund Preisgeld in diesem Jahr stehen 241.250 aus 2025 und 230.750 aus 2024 gegenüber. Aus den Top 16 ist der Saarländer schon herausgefallen, aktuell steht er in der Weltrangliste bei rund 401.000 Pfund auf Position 23. Bis in den Oktober muss er einen sechsstelligen Betrag verteidigen; rutscht er unter die Top 32 – die Grenze liegt derzeit bei knapp 290.000 Pfund – verliert er die automatische Matchplay-Qualifikation und die WM-Setzung.

Schindler selbst benennt das Kernproblem offen: „Beim allerersten Players Championship habe ich gemerkt, dass ich überhaupt nicht ich selbst war. Ich konnte es nicht drehen, egal was ich versucht habe.“ Und: „Ich habe im Moment einfach nicht dieses komplette, natürliche Selbstvertrauen, um es aufs Board zu bringen.“ Dass er zum Jahreswechsel auch noch am Material geschraubt hat, macht die Ursachensuche nicht leichter: „Ich dachte einfach: probier's aus, mach es. Und ja, jetzt muss ich dabeibleiben.“

Das zweite deutsche Thema des Tages ist das erfreulichere. In Bad Salzuflen hat am Samstag Ben Schneider die MyDartCoach Championship 2026 gewonnen – mit zwölf Jahren, in einem Feld von 488 Startern, in dem unter anderem die PDC-Tour-Card-Inhaber Maximilian Czerwinski und Leon Weber sowie Jaimy van de Weerd, die Nummer eins des PDC-Next-Gen-Rankings, mitspielten. Schneider verlor bis zum Viertelfinale kein einziges Leg, fegte dort Marvin Koch 5:0 vom Board und setzte sich im Halbfinale mit 87er-Average und einem 11-Darter 5:2 gegen Marc Spalt durch. Im Finale schlug er den 16-jährigen Elias Jahn 6:3 – zwei Finalisten mit einem gemeinsamen Alter von 28 Jahren. 2.500 Euro Preisgeld, und eine Erinnerung daran, dass die deutsche Nachwuchspipeline gerade sehr voll ist.

Auch Niko Springer taucht in der Tagesbilanz auf: Der Titelverteidiger von Budapest startete mit einem 6:1 gegen Maik Kuivenhoven, verlor dann aber 4:6 gegen Ryan Searle. In der Weltrangliste liegt er mit rund 222.000 Pfund auf Rang 38, Ricardo Pietreczko steht mit 262.000 Pfund auf 33 – beide also in Reichweite der wichtigen Marken, beide noch ohne Puffer.

Story des Tages: Scott Williams und die Dartitis

Das offenste Interview des Tages kam von Scott Williams. Der Engländer, WM-Halbfinalist des Jahres 2024, hat sein Jahr an eine Krankheit verloren, die im Darts lange tabuisiert war. „Am Anfang war es hart, weil man natürlich nicht zugeben will, dass man es hat“, sagt er über die Dartitis. Beim UK Open eskalierte es: „Ich stand da oben so unangenehm, dass ich den Dart körperlich nicht loslassen konnte.“ Und dann der Satz, der hängen bleibt: „Ich habe dieses Jahr ein paarmal auf der Tour geweint.“

Williams nennt auch Gründe abseits des Boards – ein eigener Dart-Shop, Coaching-Termine, zu wenig Fokus auf das eigene Spiel. Aktuell steht er in der Tour-Card-Rangliste auf Platz 64 und damit direkt auf der Kippe. „Das erste Halbjahr wird mich wahrscheinlich massiv kosten“, räumt er ein, verweist aber auf Materialwechsel und bessere Auftritte in den letzten Wochen. Acht Turniere bleiben ihm noch, inklusive Grand Slam. „Ich muss dieses Spiel wiederfinden. Aus den Beinahe-Erfolgen müssen Siege werden, nicht kleine Anstecknadeln.“ Unterstützung bekam er unter anderem von Nathan Aspinall.

Bunting im Sinkflug, Greaves mit Ausrufezeichen

Budapest hat noch zwei Nebengeschichten hinterlassen. Die erste ist ein Warnsignal: Stephen Bunting, in Ungarn von Anderson gestoppt, hat sein letztes European-Tour-Viertelfinale im Januar gespielt. Er steht außerhalb der Top 32 für Dortmund, die Turniertiefe fehlt, und selbst sein Premier-League-Platz gilt inzwischen als angreifbar. Für einen Spieler, der 2025 noch als Major-Kandidat gehandelt wurde, ist das eine erstaunlich schnelle Kehrtwende.

Die zweite ist ein Meilenstein. Beau Greaves war in Budapest die erste Frau überhaupt im Hauptfeld eines European-Tour-Turniers – und verlor gegen Rob Cross erst im Entscheidungsleg 5:6, bei einem Average von 104,88. Ein Wert, mit dem man an fast jedem Tag der Saison ein Erstrundenspiel gewinnt. Dass ihr erster European-Tour-Sieg nur eine Frage der Zeit ist, war am Montag die einhellige Einschätzung – und dass sie in Prag schon wieder dabei ist, macht die Wartezeit kurz.

Peter Wright: Nicholson stellt die Uhr

Auch über das andere Ende der Karrierekurve wurde heute gesprochen. Paul Nicholson hat Peter Wright eine Restlaufzeit gegeben: mindestens 18 Monate, maximal dreieinhalb Jahre auf dem Profi-Circuit. Als Begründung nennt der Analyst unter anderem Wrights Averages bei der WM 2026 – die schlechtesten seit 16 bis 17 Jahren. Solange sich der zweifache Weltmeister in den Top 64 hält, kann er weitermachen; in der Weltrangliste steht er derzeit mit rund 242.000 Pfund auf Platz 37. Nicholsons Kernbotschaft war weniger Abrechnung als Angebot: „Es ist nichts falsch daran, würdevoll abzutreten.“

MODUS Super Series: Duff dominiert Tag eins in Portsmouth

In Portsmouth ist die Gruppe A der Woche 5 der Serie 15 gestartet – und Neil Duff hat sich vom ersten Tag an oben festgesetzt. Der siebenmalige Wochensieger gewann vier seiner fünf Partien und liegt mit +10 Legs klar in Front. Daniel Klose (3:2, +7) und Ziggy Schenk (3:2, +1) bleiben in Schlagdistanz, Andy Hamilton und Jordan Brooks stehen bei je 2:3, Debütantin Noa-Lynn van Leuven bei 1:4.

  • Duff schlug Hamilton 4:2, van Leuven 4:1, Brooks 4:1 und Schenk 4:2 – seine einzige Niederlage kam mit 1:4 gegen Klose.
  • Klose fügte Hamilton die härteste Klatsche des Tages zu: 4:0. Dazu Erfolge über van Leuven (4:2) und Duff, Niederlagen gegen Brooks (3:4) und Schenk (3:4).
  • Schenk gewann das Nervenspiel gegen Hamilton 4:3 und schlug Klose sowie van Leuven, verlor aber gegen Brooks und Duff.
  • Noa-Lynn van Leuven holte im Super-Series-Debüt gegen Jordan Brooks mit 4:1 ihren ersten Sieg.

Weiter geht es in der Gruppe A am Dienstag und Mittwoch ab 9:30 Uhr britischer Zeit, die Finals Night steigt am Samstagabend.

Das steht morgen an

Der Dienstag gehört wieder der MODUS Super Series, wo Duff seine Führung gegen Klose und Schenk verteidigen muss. Parallel läuft die Vorbereitung auf die Czech Darts Open in Prag: Von Freitag bis Sonntag steigt in der PVA Expo Praha das zwölfte von 15 European-Tour-Events, 48 Spieler, 230.000 Pfund, Titelverteidiger Luke Humphries. Am Mittwoch wird der Gastgeber-Qualifier ausgespielt, am Donnerstagmittag steht die Auslosung – und mit Luke Littler kehrt der Weltranglistenerste auf die European Tour zurück. Für Anderson, Bunting und die deutschen Starter Schindler und Springer beginnt damit die entscheidende Phase des Dortmund-Rennens.